Der große Gatsby – betrunken in der Bibliothek

Es gibt wunderbare Bücher, die es zu verstehen wissen, charmant eine umwerfende Getränkeauswahl in ihre Geschichte einzuweben. Der große Gatsby gehört definitiv dazu. Inhaltlich möchte ich gar nicht tief auf das Buch eingehen, das ist an anderer Stelle bereits zur Genüge getan worden. Obwohl zu Zeiten der Prohibition kaum ein dutzend Seiten ohne Party oder leicht angetrunkene Protagonisten vergehen, ergab sich bei näherer Betrachtung ein interessantes Phänomen: Explizit wird nur ein einziger Drink während des gesamten Buchs genannt und getrunken.

Eine gute Freundin mag das Buch als auch die filmische Umsetzung und rief eine Party unter dem Motto der goldenen 20er aus. Verständlich, dass die passenden Cocktails nicht fehlen dürfen. Um beim Servieren Bezug zum großen Gatsby nehmen zu können, las ich das Buch (Ausgabe des dtv, Neuübersetzung 2011 von Lutz-W. Wolff, 2. Auflage) genau unter dem Aspekt der konsumierten alkoholischen Getränke. Was ergab sich dabei?

„Ich bin jetzt seit einer Woche betrunken. Ich dachte, es würde mich ausnüchtern, wenn ich in einer Bibliothek sitze.“ – Ein Bekannter von Mrs Claud Roosevelt, Seite 60

  • Cocktails ohne nähere Beschreibung
    • Seite 20 (Tom serviert vier Cocktails an Daisy, Jordan und Nick),
    • Seite 130 (ein Gast von Gatsby fängt nach fünf oder sechs immer so an zu schreien)
  • Ein Glas Bordeaux
    • Seite 23 (getrunken von Nick)
  • Eine Flasche Whisky (konsequent ohne „e“ in der Übersetzung)
    • Seite 41, Seite 48 (in Toms New Yorker Apartment)
  • Champagner
    • Seite 52 (Party bei Gatsby)
    • Seite 61 (Party bei Gatsby, „serviert in Gläsern, die größer als Waschschüsseln waren“)
    • Seite 127 (Party bei Gatsby, „im Überfluss“)
  • Schnäpse, Gin und Liköre
    • Seite 53 (Party bei Gatsby, „deren (Anm.: der Flaschen) Namen schon so lange vergessen waren, dass die meisten seiner jungen weiblichen Gäste sie gar nicht mehr kannten“)
  • Highballs
    • Seite 87 (im Restaurant mit Nick, Gatsby und Wolfsheim)
    • Seite 125 (ein weiblicher Gast Gatsbys)
  • Eine Flasche Sauternes
    • Seite 95 (Daisy, eine halbe Stunde vor ihrem festlichen Hochzeitsdinner, „betrunken wie ein kleiner Affe“)
  • Ein Glas Chatreuse
    • Seite 112 (Hausführung von Gatsby, mit Daisy und Nick, „[…] und ein Glas Chartreuse tranken, den er [Anm.: Gatsby] in einem Wandschrank bereithielt.“)
  • Gin Rickeys
    • Seite 142 (Tom serviert diese für Daisy, Gatsby, Nick und sich selbst)
  • Kaltes Bier
    • Seite 143 (beim gemeinsamen Essen von Daisy, Gatsby, Nick und Tom)
  • Schnaps
    • Seite 187 (Catherine, die Schwester von Myrtle Wilson, „Sie hatte an diesem Tag wohl ihre Regel gegen das Alkoholtrinken gebrochen, denn als sie schließlich doch eintraf, war sie so voller Schnaps, dass sie nicht begreifen wollte, dass der Krankenwagen schon nach Flushing gefahren war.“)
  • Alkoholische Getränke
    • Seite 203 (ein Gast von Gatsby, „[…] denn der Mann war einer von denen, die nach dem Genuss von Gatsbys alkoholischen Getränken am übelsten über ihn herzogen […]“)
  • Mint Juelep
    • Seite 145 bis 164 (Daisy, Gatsby, Nick und Tom entwickeln eine Art Posse um den Cocktail, trinken ihn letztendlich jedoch nicht)
      • Seite 145, Seite 146 (eine Quartflasche von Tom, Vorbereitung für die Fahrt und später Mint Juleps mit Daisy, Gatsby, Nick und Tom)
      • Seite 152 („Einen Platz, wo man einen Mint Julep trinken kann.“)
      • Seite 153 (Tom rollt die Flasche Whisky aus dem Handtuch und stell sie auf den Tisch)
      • Seite 154 („Ruf an und bestell Eis für den Mint Julep.“)
      • Seite 156 („Tom, mach den Whisky auf! […] Und ich mache dir einen Mint Julep.“)
      • Seite 157 („Das ist eine gute Idee […] Komm, Tom. niemand will etwas trinken.“)
      • Seite 164 („[…] die ungeöffnete Whiskeyflasche wieder in das Handtuch zu wickeln.“)

Was bedeutet dies für die 20er Jahre-Party? Klar, wenn schon dediziert genannt, dann gibt es einen Gin Rickey! Eine meiner Meinung nach vernachlässigte Kategorie und als Gin Rickey eine wohltuende Alternative zum anhaltenden Gin Tonic-Hype. Die feiernde Gesellschaft darf sich weiterhin an Clover Clubs und Royal Bermuda Yacht Clubs erfreuen – flankiert von Chartreuse Shots!

Ein stilechtes Getränkekonzept steht damit. Was nehmen wir aus dem Buch noch mit? Prohibition verhindert keinerlei Alkoholkonsum, ob eine Bibliothek beim Ausnüchtern tatsächlich hilft, wird leider nicht aufgeklärt. Die Flasche Chartreuse in der Nähe des Arbeitsplatzes sollte aber auch heute nicht fehlen!

Tim

Seit 2013 tagsüber in einem Büro in Frankfurt am Main anzutreffen, steht der cocktailbegeisterte Betriebswirt abends gerne vor den Bartresen der Stadt oder hinter seiner eigenen Heimbar in Bad Vilbel. Nebenher liest der Endzwanziger gerne – nicht nur Cocktailliteratur.

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