Regarding Cocktails – Review

Ein ganz besonderes Buch liegt gerade aufgeschlagen in meiner Hand. Dass weltweit bekannte Bartender Bücher schreiben, ein Repertoire ihrer persönlichen Lieblingscocktails präsentieren, bisher im Dunkeln liegende Thematiken beleuchten – mal gelingt es besser, mal schlechter, selten ist man nach dem Studium eines Buchs beeindruckt.

Foto des Buchs Regarding CocktailsHier ist es anders. Dieses Buch ist anders. Petraske ist mit gerade einmal 42 Jahren verstorben, sein Buch blieb unvollendet, wurde posthum veröffentlicht. Im Vorwort stellt seine Frau fest:

The form this book has taken is one my husband could never have foreseen. Being the subject rather than the narrator would not have been for him, and the book surely contains more of Sasha’s personality than he wished for it to have – but how could it not?

Georgette Moger-Petraske

Genau dieser Aspekt, der Wechsel der Perspektive, die in dieser Form nie geplanten Einschübe von Familie und Freunden zu viel zu selten betrachteten Themen wie Charity, Travel oder How to Be a Good Bar Regular lassen den Leser einen Moment länger innehalten, über das Gesagte nachdenken – und über allem schwebt Petraskes Charakter.

Ungebührlich und der ursprünglichen Intention des Autors schier zuwiderlaufend wäre es jedoch, auf dieser übergeordneten Ebene zu verbleiben und nicht den fachlichen Part unter die Lupe zu nehmen. Im bereits oben zitierten Vorwort folgt dieser dem Motto Milk & Honey-quality drinks at home.

Dieser Ansatz ist fabelhaft! Man merkt, dass die Texte noch ungeschliffen sind, dass Details fehlen, dass da noch mehr kommen sollte, aber wurde an anderer Stelle jemals so charmant auf die Verantwortung des Gastgebers für seine nicht mehr nüchternen Gäste eingegangen oder eine respektable private Party geplant? Klare Richtwerte, wie viele Gäste ein geschulter Bartender pro Stunde bedienen kann, wenn gleichzeitig Punch serviert wird und/oder SelfService-Stationen für Wein und Bier existieren und realistische Einschätzungen zum Platzbedarf einer Bar, die den Ansprüchen von Barflies genügt. Saubere und verschmutze Gläserracks, gegebenenfalls gemietet, verschiedene Glastypen, Platz zum Umräumen, hier wird richtig gemixt! Alleine der Abschnitt über eine Emailkonversation mit Richard Boccato zum Thema Eis – Gläser vorfrosten, Flüssigkeiten herunterkühlen, Verwässerung im richtigen Maß und die Bestimmung davon – eine Freude. 🙂

Foto des LesezechensPetraske ordnete alle Cocktails den fünf Kategorien Old Fashioned, Martini respektive Manhattan, Sour, Highball und Fix zu, ergänzt um Punches, Flips, süße Dessert- sowie alkoholfreien Drinks. Seine getroffene Auswahl überzeugt mich nachhaltig und ich kann mich nur wiederholen: Beinahe jedes Rezept möchte ich sofort ausprobieren. Gleichermaßen sagen mir die Illustrationen zu: Detaillierte, indes auf das Wesentliche reduzierte technische Zeichnungen, auf einzelne Bestandteile heruntergebrochen. Aber damit hier nicht abermals bloß bedruckte Seiten besprochen werden:

Sugarplum

  • 6cl Gin (Tanqueray No. 10)
  • 3cl Grapefruitsaft (frisch gepresst)
  • 1.5cl Granatapfelsirup (d’Arbo)

Alle Zutaten auf Eis shaken, in vorgekühltes Gästeglas strainen.

Nach Joseph Schwartz aus „Regarding Cocktails“, Seite 141

Die Milk & Honey-Manier der Schlichtheit zeigt sich als Variation des Blinker Cocktails, es ist eine frühe Kreation der Bar. Sugarplum ist der Kosename der Ehefrau von Schwartz, Petraske interpretierte seine Namenswahl als das aufmerksame Verhalten eines verheirateten Gentleman gegenüber seiner Gattin.

Foto des Sugarplums

Bei der Wahl des Gins wollte ich die Fruchtnoten unterstreichen – mit Erfolg. In der Nase sehr frisch und zitruslastig. Geschmacklich transportieren d’Arbo und der Saft eine erfreulich knackige Säure, die herben Noten des Granatapfels in Kombination mit dem sich gut präsentierenden Gin schlagen am Gaumen erneut zu. Im Nachklang bleibt es säuerlich-fruchtig. Die oben erwähnte Verwässerung spielt hier eine deutliche Rolle – mit ein klein wenig mehr Schmelzwasser als üblich (–> etwas länger shaken) öffnet sich der Cocktail nochmals merklich, wird zugänglicher und etwas runder.

Petraskes Erstlingswerk, das Milk & Honey, trug maßgeblich zur Popularität von Speakeasy-Konzepten bei, seine dortigen Hausregeln erfuhren weltweite Beachtung. Durch und durch ehrliche und verinnerlichte Gastgebergedanken klingen beständig in allen Ausführungen mit, unabhängig ob Empfehlungen für eine Feier in der Heimbar, Hintergründe zu Cocktails oder Ausführungen zur Körperhaltung. Ein auf vielen Ebenen starkes Buch, welches weit mehr als Cocktailrezepte lehrt.

Tim
Seit 2013 tagsüber in einem Büro in Frankfurt am Main anzutreffen, steht der cocktailbegeisterte Betriebswirt abends gerne vor den Bartresen der Stadt oder hinter seiner eigenen Heimbar in Bad Vilbel. Nebenher liest der Endzwanziger gerne - nicht nur Cocktailliteratur.

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