Dog and Pony

Bier ist für mich in Cocktails eine Zutat, die es nicht braucht. Ob aufgegossen oder sonst wie eingebunden, einen wirklichen Mehrwert respektive eine besonders überzeugende Komposition habe ich bisher nicht kennen gelernt. Bier mag ich als eigenständiges Produkt sehr – jedoch als unkompliziertes Getränk, bei dem es auch mal um die durstlöschende Wirkung geht und nicht um die ausgiebige Diskussion von Geschmacksnuancen. 😉

Nun hat Gaz Regan sich erneut mit seinem Liebling beschäftigt – finger stirred Negronis! Und die Ergebnisse im Buch „The Negroni“ festgehalten. Ein Rezept verlangt nach einer Chocolate Porter-Reduktion. Da kam ich ins Grübeln. Die konzentrierte Verwendung könnte doch der Aha-Moment für den Einsatz von Bier in Cocktails sein!

Dog and Pony

Dog and Pony

  • 4cl Gin (Tanqueray No. 10)
  • 2cl Chocolate Porter-Reduktion (siehe unten)
  • 1.5cl Campari
  • Orangenzeste (als Deko)

Alle Zutaten im vorgekühlten Tumbler auf Eis vermengen. Mit der Zeste dekorieren.

Nach Jill Saunders aus The Negroni, Seite 84

Die Erfinderin war Brand Ambassador für Tanqueray, wenig verwunderlich daher die Wahl des Gins. Im Originalrezept wird aus 36 cl Chocolate Porter der London Meantime Brewing Company und 5 Esslöffeln Zucker eine Reduktion hergestellt. Beides aufkochen, fünf Minuten köcheln und im Anschluss abkühlen lassen. Ich habe mich für das – nur ein paar Straßen weiter gebraute – Coffee Porter der CraftBrauSchmiede entschieden. Damit ein Tasting daraus wird und ich nicht ggf. aufgrund eines schlechten Produkts die Idee für misslungen erkläre, gibt es den Vergleich zum Dolden Dark des Riedenburger Brauhauses.

Einkochen für Dog and Pony
Beim Einkochen des Bier-Zucker-Gemischs.

Die Aromen des klassischen Negronis sind wohlbekannt. Im Twist mit dem Coffee Porter nimmt die Nase zunächst keine Überraschung wahr. Am Gaumen erfolgt eine gekonnte neue Dimension des Bitteren, des Malzigen, von Kaffee und Schokolade. Da die Bierreduktion längst nicht an den Alkoholgehalt vom süßen Wermut heranreicht, bekommt gleichzeitig der Gin eine größere Bühne – die ihm gut steht. Beim Dolden Dark bin ich zunächst verwundert. Einerseits ob der wesentlich dunkleren Farbe, andererseits ob des viel dezenteren Geschmacks der neuen Komponente. Die Porter-Reduktion fügt sich beängstigend gut ein, beinahe, als würde man nichts anderes kennen. Diese Version ohne Erläuterung in einer Bar serviert, ich käme nie auf das Bier als Zutat! Beide sind eigenständig, beide gefallen mir, beide bringen auf ihre Art einen Mehrwert des Dunklen. 🙂 Experimente mit Rum und Whiskey drängen sich geradezu auf und folgen.

Zum Abschluss auch noch Allgemeinbildung – jedoch etwas wirre … Saunders hat den Cocktail als Twist auf den Negroni und den Dog’s Nose (kaum verlockend: ein Shotglas Gin versenkt in einem Pint Ale) kreiert. Letzterer hat Charles Dickens in seinem ersten Roman Pickwick Papers einen Mr. Walker trinken lassen. In solchen Mengen, dass er die Funktion seiner rechten Hand einbüßte und der Abstinenzbewegung „Brick Lane Temperance Society“ in East London beitrat. Jetzt soll „Dog and Pony“ die Cockney-Version von „Negroni“ sein und Saunders stellt sich vor, dass für einen nicht-abstinenten Mr. Walker dies der adäquate Drink wäre. Nun ja. So oder so, die Negroni-Variante verdient Aufmerksamkeit. 🙂

Tim
Seit 2013 tagsüber in einem Büro in Frankfurt am Main anzutreffen, steht der cocktailbegeisterte Betriebswirt abends gerne vor den Bartresen der Stadt oder hinter seiner eigenen Heimbar in Bad Vilbel. Nebenher liest der Endzwanziger gerne - nicht nur Cocktailliteratur.

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